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Kategorie: Bücher

Minette Walters „Die Schandmaske“

Minette Walters „Die Schandmaske“

Vor Kurzem habe ich eine neue Arbeitsstelle gefunden, zu der ich im ersten Monat mehr als 5 1/2 Stunden pro Tag pendeln muss. Das ist sehr anstrengend und so bleibt mir unter der Woche vom Tage nicht viel übrig. Anfang Oktober folgt dann der lang ersehnte Umzug und mein Arbeitsweg wird bedeutend kürzer sein. Darauf freue ich mich schon sehr. Bis es aber soweit ist, vertreibe ich mir die vielen Stunden im Zug mit Lesen. Zuletzt fiel mir in einem öffentlichen Bücherregal „Die Schandmaske“ von Minette Walters in die Hände. Ich bin ein großer Fan der britischen Krimi-Autorin und habe bereits öfter Romane („Der Schrei des Hahns“, „Im Eishaus“) von ihr gelesen. Heute kommt meine persönliche Rezension zum Werk „Die Schandmaske“.

 

Einband

Als Mathilda Gillespie im Badezimmer ihres Landsitzes im kleinen, englischen Ort Fontwell gefunden wird, ist sie bereits zwei Tage tot. Ihrer Ärztin Sarah Blakeney bietet sich ein grauenhafter Anblick, denn über Mathildas Kopf ist ein rostiger Metallkäfig gestülpt – eine mittelalterliche Schandmaske, die auch noch mit einem grotesken Blumenschmuck versehen ist. Die Polizei und die Familie vermuten einen Selbstmord hinter diesem bizarren Tod, doch als sich herausstellt, dass Mathilda ihre Ärztin zur Alleinerbin bestimmt hat, gerät Sarah unter schweren Mordverdacht. Ein Schlüssel zur geheimnisumwitternden Vergangenheit dieser von vielen gehassten Frau könnte ihr Tagebuch sein. Doch Mathildas höchst private Bekenntnisse sind spurlos verschwunden …

„Geballte Spannung!“ (Frankfurter Rundschau)

Ausgezeichnet mit dem Golden Dagger als bester Kriminalroman des Jahres.

Verlag Deutsche Ausgabe: Der Goldmann Verlag, München, 1996 | Seitenzahl: 409 | Originaltitel: The Scold’s Bridle

 

Meinung

Der Roman beginnt direkt mit der Schilderung vom Todesanblick Mathilda Gillespies. Eine alte Dame, die mit aufgeschnittenen Pulsadern steif und kalt gefroren in ihrer eigenen Badewanne im Cedar House liegt. Auf ihrem Kopf trägt sie ein rostiges Gestell – eine Schandmaske aus dem Mittelalter, mit der zänkische Frauen einst zum Schweigen gebracht wurden. Das Groteske sind die Brennnesseln und blühenden Maßliebchen, die daran angebracht sind. In der Gebissstange hängt die tote, schlaffe Zunge. Obwohl Gerichtsmediziner Dr. Cameron es zunächst als Selbstmord deklariert, glaubt der Polizeibeamte Seargant Cooper an einen Mord. Am Unfall- oder auch Tatort zugegen ist auch Mathildas Ärztin Sarah Blakeney, die sich mit der alten Dame gut verstand, ihr monatlich einen medizinischen Besuch abstattete und nun von den grauenhaften Umständen schockiert ist. Mathilda Gillespie hinterlässt eine Tochter namens Joanna, die in London lebt sowie eine Enkelin namens Ruth, die ein privates Internat besucht. Wie sich herausstellt, war die betagte Dame im Dorf sehr unbeliebt und galt als äußerst unfreundlich, bösartig und geizig. Sie besaß viel Geld, woraufhin sich das Motiv zunächst konzentriert. Jedoch taucht wenig später eine Videobotschaft auf, welche Mathilda zwei Tage vor ihrem Tod aufzeichnete und ihrem Anwalt hinterließ. Sie überarbeitete heimlich und spontan ihr Testament, was alle zuvor getroffenen Entscheidungen außer Kraft setzt. Es scheint, als ob sie wusste, dass sie bald sterben würde. Im Video bekundet sie, dass sie weder ihrer von Drogenexzessen und Prostitution gezeichneten Tochter, noch ihrer stehlenden Enkelin etwas von dem Geld überlassen wolle. Stattdessen solle ihre Ärztin Sarah alles erben. Das erregt natürlich alle Gemüter. Welche Verbindung gab es zwischen Mathilda und Sarah? Und plötzlich steht Mathildas Ärztin unter Mordverdacht. Zwischen Sarah und Joanna entwickelt sich eine sehr schwierige Beziehung, die von Neid und Missgunst auf Joannas Seite geprägt ist. Im Dorf zerfetzt man sich indessen die Mäuler über die Beteiligten, woraufhin Sarah einen Großteil ihrer Patienten verliert und ihre Praxis häufig leer bleibt. Und auch zwischen Sarah und ihrem Mann Jack kriselt es gewaltig. Er ist brotloser Künstler und gilt als untreu. Als Sarah ihn im Streit aus dem Haus wirft, zieht dieser kurzerhand bei Joanna ein, was die ganze Geschichte in einem noch merkwürdigeren Licht dastehen lässt. Jacks Bilder sind immer wieder Thema im Roman. Er malt seine Modelle nicht so, wie sie wirklich aussehen, sondern genauso, wie er sie sieht und einschätzt. Dabei stehen seine verwendeten Farben für Charaktereigenschaften (z.B. rot für Zynismus, grün für Anstand und Ehrgefühl, braun für Verzweiflung, blau und grau für Grausamkeit). Und obwohl Jack bisher nur ein Bild verkauft hat, glaubt Sarah an ihn und sein Talent. Sie findet ein Bild in seinem Atelier, auf dem er Mathilda nackt und mit Schandmaske gemalt hat. Und auch Joanna steht ihm später noch Modell. Im Verlauf der Handlung stehen immer wieder Joanna und ihre Tochter Ruth sowie Sarah und ihr Mann Jack im Visier der Ermittler, weil sie in deren Augen allesamt ein Mordmotiv hätten.

Der Roman hat an zahlreichen Stellen Bezüge zu den Werken von William Shakespeare. Mathilda Gillespie war ein großer Fan des Lyrikers und lernte allerlei Zitate aus den Stücken auswendig. Immer wieder werden Parallelen zu den Tragödien „Othello“ oder „König Lear“ deutlich. So finden auch Gespräche zwischen Seargant Cooper und Jack statt, in denen Cooper die Zusammenhänge zu verstehen versucht, die Jack längst begriffen hat. Der Polizist liest sogar in seiner wenigen Freizeit Shakespeare, um den Fall zu lösen. Mathilda schien ihr Leben und die Vorgänge darin allegorisch mit einigen Geschichten und Handlungen von Shakespeares Stücken zu vergleichen.

Die Themen, die in Walters‘ Roman zutage kommen, sind sehr düster und teilweise auch grausam. So behandelt der Roman Missbrauch, Vergewaltigung, Inzucht, Schwangerschaft, Geldgier, Lügen, Verrat und gegenseitige Erpressung. Es gelingt der Autorin wieder einmal aufzuzeigen, was traumatische Erlebnisse mit einem Menschen anstellen. Wie man vom unschuldigen Opfer über Wesensveränderungen auch zum Täter werden kann.

In der späteren Handlung taucht auch Mathildas Ehemann James auf, der inzwischen mittellos und alkoholabhängig ist. Ebenso gesellen sich weitere Figuren um die alte Dame in den Vordergrund, die eine teilweise geheime Vergangenheit mit Mathilda verbindet. Sarahs Praxisschwester Jane Marriott und deren Mann Paul Marriott scheinen etwas zu wissen. Violet und Duncan Orloff, die direkt neben Mathilda wohnen und durch die dünnen Wände viele Gespräche aus dem Cedar House mitbekamen, machen sich ebenfalls verdächtig.

Zwischen den einzelnen Kapiteln schob Minette Walters Auszüge aus den Tagebüchern von Mathilda Gillespie ein, die mir als Leser anfangs eher zusammenhangslos und später zunehmend spannend erschienen.

Im gesamten Werk wird Walters‘ außergewöhnliche schriftstellerische Fähigkeit deutlich, familiäre Abgründe zu schildern. Ihre Charaktere strotzen nur so vor negativen Eigenschaften und gestörten Beziehungen. Zuvor hatte ich ihre Bücher „Der Schrei des Hahns“ und „Im Eishaus“ gelesen, die mich gleichermaßen gefesselt und erschüttert haben. Auch „Die Schandmaske“ ist psychologisch gut durchdacht und zeigt menschliche Wesenszüge auf, die beängstigend und traumatisierend sind. Manchmal habe ich beim Lesen sehr viel Mitleid mit einigen Figuren empfunden, an wieder anderen Stellen erschütterte mich der Hass und die fehlende Liebe zwischen einigen Familienmitgliedern aus dem Hause Gillespie.

Ich habe das ganze Buch über mitgefiebert und finde die Handlung sehr spannend erzählt. Es ist immer wieder faszinierend in Minette Walters‘ Welt kranker, zerrütteter Familien mit schlechten Charaktereigenschaften einzutauchen. Im Buch ist auffällig, dass die Polizei sehr lange im Dunkeln tappt und die Aufklärung zu stocken scheint. Nur durch einen entscheidenden Hinweis von Jack, der die ganze Sache durchschaut hat, wird die finale Lösung eingeleitet. Das erschien mir als Leser ein bisschen zu plötzlich, wenn man bedenkt, wie zäh sich bis dato alles hinzog. Trotzdem ist es alles in allem ein Kriminalroman ganz nach meinem Geschmack. Ich werde auch in Zukunft noch ein paar Bücher von Minette Walters verschlingen!

Jane Campion / Kate Pullinger „Das Piano“

Jane Campion / Kate Pullinger „Das Piano“

Vor einer Weile fiel mir das Buch „Das Piano“ in die Hände, welches mich so in seinen Bann zog, dass ich es binnen eines verlängerten Wochenendes fertig durchgelesen hatte. Es spielt die meiste Zeit im fernen Neuseeland mit Rückbezügen nach Schottland. Die Geschichte ist gleichzeitig verzaubernd wie verstörend mit einem überraschenden Schluss. Es wird wohl eines meiner Favoriten bleiben.

Einband

Die junge Schotting Ada McGrath, streng viktorianisch erzogen, ist seit ihrer Kindheit stumm – nur über ihr Klavier verschafft sie sich Ausdruck. Zusammen mit ihrer unehelichen kleinen Tochter Flora schifft sie sich nach Neuseeland ein, denn dort erwartet sie Alisdair Stewart, den ihr Vater ihr zur Heirat vermittelt hat. Adas einziger Halt in der tropischen Fremde ist, neben ihrer Tochter, das Klavier – nur wenn sie spielt, ist sie eins mit sich selbst. Ihr neuer Ehemann jedoch verweigert sich, das Instrument durch den sumpfigen Dschungel nachhause zu schleppen – es bleibt am Strand. Ada sieht erst einen Lichtblick, als sie erfährt, dass Stewart das Klavier an George Baines veräußert hat. Baines, ebenfalls Einwanderer, ein Analphabet, der unter Eingeborenen lebt, ist fasziniert von der schönen, jungen Frau. Er schlägt ihr einen Handel vor: Sie soll für ihn spielen und so, Stunde um Stunde, Taste um Taste, ihr Instrument zurückgewinnen. Ada willigt ein – und schon nach kurzer Zeit verfällt der sanfte Wilde ihr in heftiger Leidenschaft.

In der Wildnis Neuseelands beginnt die Affäre der stummen Ada McGrath mit dem Einwohner Baines … DAS PIANO: Leidenschaftliche Liaison und zugleich Reise in die Untiefen unserer Zivilisation, wo keine moralischen Gesetze mehr gelten und die Macht der Sexualität dominiert. Jane Campion hat mit diesem Roman die Arbeit an ihrem großen Film vollendet und erweitert, denn hier erzählt sie auch Adas Vorgeschichte: Welches Trauma hat ihre Stummheit verursacht, und wer war der Vater ihrer Tochter Flora? Eine ungewöhnliche, poetisch-sinnliche Liebesgeschichte. Das Buch zum Film.

Verlag Deutsche Ausgabe: R. Piper GmbH & Co. KG, München, 1994 (Original erschien bei Hyperion, New York, 1994) | Seitenzahl: 233 | Originaltitel: The Piano

Meinung

Der Roman „Das Piano“ fällt in das Genre Liebesdrama und hat ebenfalls etwas Abenteuerliches. Die stumme Hauptfigur Ada McGrath hat aus einer früheren Liebelei mit ihrem ehemaligen Klavierlehrer eine uneheliche Tochter namens Flora, die zugleich als ihre beste Freundin fungiert. Die Geschichte spielt in einer Zeit (Mitte des 19. Jahrhunderts), in der man mit Kind und ohne Trauring dem Gespött der Leute ausgesetzt ist. Um diesem Dilemma eine Ende zu setzen und Ada finanzielle Sicherheit zu geben, verheiratet ihr Vater sie mit dem in Neuseeland lebenden Briten Alistair Stewart. Ada zieht mit samt Hausrat, Kind und ihrem Piano per Schiff auf einer monatelangen Reise voller Entbehrungen nach Neuseeland. Ihr neuer Mann gibt sich alle Mühe mit Ada, tritt jedoch steif und pedantisch auf und zu seinem Leidwesen hat Ada nicht viel für ihn übrig. Sie fühlt sich wie eine Fremde in dieser Welt und der damals noch zu England gehörenden Kolonie. Schließlich lernt sie über einen Deal, um ihr Klavier zu behalten (welches ihr Mann Alistair Stewart nicht im Haus haben möchte und sogar gegen Land eingetauscht hatte), den Einwanderer George Baines kennen. Das Verhältnis zwischen beiden erschien mir zu Beginn äußerst seltsam. Im Einband laß ich etwas von „heftiger Leidenschaft“ und „leidenschaftlicher Liaison“. Das klang für mich zunächst nach einer Romanze im beiderseitigen Einverständnis, jedoch fühlt Ada sich anfangs stark unter Druck gesetzt und in meinen Augen ebenfalls sexuell genötigt. Das war etwas befremdlich. Jedoch wächst im Laufe der Geschichte Adas Interesse an Baines, da dieser sich stark zu ihr hingezogen fühlt und an sie glaubt. Im letzten Drittel des Buches kommt es zu einer überraschenden Wendung im Buch. Die Liebelei zwischen Ada und Baines nimmt einen sehr verhängnisvollen Lauf, weil Alistair Stewart hinter das Verhältnis kommt und sich rächt.

Die Geschichte verbindet Liebe, Leidenschaft, Sinnlichkeit, Eifersucht, Macht und Dominanz. Die Charaktere der einzelnen Figuren haben mich sehr berührt, weil man sich gut in sie hinein versetzen kann. Die Vorstellung, sich für ein stummes Leben zu entscheiden (wie Ada dies bereits sehr früh getan hat, obwohl sie nicht stumm geboren wurde) weckte mein Interesse und erschreckte mich zugleich. Selbst in Lebenssituationen, in denen es hilfreich und notwendig gewesen wäre, die Stimme zu erheben, ließ Ada stumm an sich herüberziehen. Das war bemerkenswert. Das Ende kam für mich sehr überraschend und ich empfand es als positiv und erleichternd.

Das Buch „Das Piano“ folgte auf den gleichnamigen Film. Der Film war das Werk der neuseeländischen Regisseurin Jane Campion und ein großes Film-Ereignis im Jahr 1993. Er brachte drei Oscars in Los Angeles und die Goldene Palme in Cannes ein. Gemeinsam mit der britischen Autorin Kate Pullinger entstand schließlich der Roman.

Ich mochte das Buch sehr gern und es hat mich so gefesselt, dass ich nur ein paar wenige Tage brauchte, um es durchzulesen. Es spricht das Herz an und zählt nun zu meinen Favoriten. Den Film habe ich bisher leider noch nicht gesehen, aber ich hoffe, dass ich irgendwann noch die Gelegenheit dazu bekomme.

Henning Mankell „Mörder ohne Gesicht“

Henning Mankell „Mörder ohne Gesicht“

Ich bin ein großer Fan von schwedischen Krimis, insbesondere mag ich die Geschichten um die von Henning Mankell geschaffene Kunstfigur und Kriminalkommissar Kurt Wallander, der im schwedischen Ystad Verbrecher jagt. Die Handlungen sind düster, regen zum Nachdenken an, weil sie gesellschaftliche und politische Kritik am schwedischen Staat üben, behandeln zumeist brutale Themen und haben einen Hang zur Melancholie. Häufiger laufen im TV sehr spät abends auch die dazugehörigen Verfilmungen. Heute möchte ich das Buch „Mörder ohne Gesicht“ vorstellen, welches im Jahr 1993 in Deutschland erschien (in Schweden bereits im Jahr 1991).

Einband

„Kurt Wallander stieß die Tür mit dem Fuß auf. Es war schlimmer, als er es sich vorgestellt hatte. Viel schlimmer. Später würde er sagen, dass es das Schlimmste war, was er je gesehen hatte. Und er hatte weiß Gott schon eine Menge gesehen.“

Ein altes Bauernpaar ist auf seinem Hof in der Nähe von Ystad ermordet worden. Nicht nur das Motiv der Tat liegt völlig im Dunkeln, vor allem deren furchtbare Brutalität irritiert die ermittelnden Polizisten um Kurt Wallander. Und dann hatte die alte Bäuerin, kurz bevor sie im Krankenhaus starb, den Beamten einen letzten, seltsamen Hinweis gegeben …

Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag, überarbeitete Neuausgabe, April 1999, München (Originalausgabe in Schweden: 1991 bei Ordfront Verlag, Stockholm) | Seitenzahl: 334 | Originaltitel: Mördare utan ansikte

Meinung

Das Buch „Mörder ohne Gesicht“ hat mich von der ersten Seite an gefesselt. Binnen 1 1/2 Wochen hatte ich es ausgelesen. Es beginnt sehr spannend, mitten im verbrecherischen Geschehen, und behandelt einen sehr brutalen Doppelmord, der die Ermittler in einige südschwedische Asylantenheime führt. Nach den Anfangsvermutungen aus den ersten Kapiteln soll es sich bei den Mördern wohl um Ausländer handeln. Das gibt natürlich einen riesigen Eklat im Land, der jede Menge Diskussionen, Anschuldigungen, Vorurteile und sogar Anschläge auf Asylsuchende nach sich zieht.

Der schwedische Schriftsteller Henning Mankell verarbeitete in seinen Krimi-Romanen sehr gern Themen, die in der schwedischen Gesellschaft als problematisch gelten. Er selbst gab einmal von sich, dass es schon sein frühes Ziel war, die „Gesellschaft zu demaskieren“.

Am meisten erstaunte mich die Aktualität der Konflikte, die sich um die Asylpolitik Schwedens drehten. Gerade in der heutigen Zeit ist dieses Thema mehr als relevant in Europa. Das Buch erschien in Schweden bereits vor 27 Jahren und ich habe das Gefühl, dass es auch im Jahr 2018 hätte geschrieben werden können.

Ich habe immer wieder Mitleid mit der Figur Kurt Wallander, sowohl in den Büchern, als auch in den Filmen. Der alternde Polizist steht in diesem Buch kurz vor der Scheidung, lebt gefühlt nur, um zu arbeiten und hat ein eher schlechtes Verhältnis zu seiner Tochter Linda. Er selbst bezeichnet sein Leben als verkorkst, trinkt viel hochprozentigen Alkohol und schläft sehr schlecht. Wallander führt alles in allem ein sehr ungesundes Leben, was in der Handlung auch immer wieder deutlich wird. Sein Vorhaben, sich gesünder zu ernähren, wird durch alle Kapitel hinweg nie in die Tat umgesetzt. Zu allem Überfluss erleidet sein Vater immer mal wieder erschütternde Demenzanfälle, um die er sich neben den schwierigen Ermittlungen auch noch kümmern muss. Dabei stößt er auf keinerlei Verständnis bei seinem Vater, welcher sich zudem nie damit abfinden konnte, dass sich Kurt einst für den Beruf des Polizisten entschieden hat. Man hat als Leser das Gefühl, dass der Vater seinen Sohn 1. nicht wirklich ernst nimmt und 2. dennoch verärgert darüber ist, dass Kurt Wallander sich zu wenig mit ihm beschäftigt.

Die Handlung ist sehr spannend aufgebaut, sodass es mir mit zunehmenden Kapiteln schwerer fiel, das Werk zur Seite zu legen. Ich war ganz gierig darauf, endlich zu erfahren, wer den brutalen Doppelmord begangen hatte. Zum Schluss wird zwar der Fall gelöst, doch der Leser bleibt aufgrund anderer tragischer Umstände mit einem nur halb zufriedenstellenden Gefühl zurück, was meiner Meinung nach jedoch Henning Mankells Absicht war.

Colette Victor „Der Tag, an dem die Hummer schwimmen lernten“

Colette Victor „Der Tag, an dem die Hummer schwimmen lernten“

Ich mag es, in Buchläden herumzustöbern und kann nur schwer an einem vorübergehen, ohne einen Blick hineinzuwerfen. Ob ich nun ein bestimmtes Buch suche oder auch nicht. Es geht nicht anders. Es macht mich ganz neugierig zu sehen, welche Bücher in den Auslagen liegen oder welche es derzeit in die Bestsellerlisten geschafft haben. Besonders gern schaue ich mir aber die Wühltische – liebevoll auch Grabbeltische genannt – an, die häufig Mängelexemplare aus allen Genres beherbergen. Dort lasse ich mich gern von neuen Autoren und ausgefallenen Geschichten überraschen, wie auch von diesem herzerwärmenden Buch, das in Südafrika spielt und vom Schicksal, der Liebe und den kleinen Glücksmomenten im Leben handelt. Es bespricht außerdem die Konflikte der südafrikanischen Bevölkerung zwischen Schwarzen und Weißen und regt zum Nachdenken an.

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Einband

Wie ein kleiner Ort die große Liebe findet.

Es bringt den ganzen Ort in Aufruhr: ein Aquarium voller Hummer, das urplötzlich im Lebensmittelladen von Klippiesfontein, Südafrika, steht. Alle beäugen gebannt die faszinierenden Krustentiere. Dabei will der Ladenbesitzer Oom Marius eigentlich nur seine Angebetete beeindrucken, indem er die Haute Cuisine nach Klippiesfontein holt. Aber auch das Schicksal hält die ein oder andere Überraschung parat. Auf einmal steht der ganze Ort Kopf. Doch es gibt Hoffnung – und die hat mit viel Liebe und ein paar Hummern zu tun.

Verlag: btb Verlag, München, 1. Auflage, Deutsche Erstveröffentlichung (August 2016) | Seitenzahl: 318 | Originaltitel: What to do with lobsters in a place like Klippiesfontein

Meinung

Als ich das Buch „Der Tag, an dem die Hummer schwimmen lernen“ in den Händen hielt, sprach mich zuallererst sein Titel sowie sein floral verziertes Cover in grün-lila Tönen an. Sogar ein gezeichneter, roter Hummer war darauf abgebildet. Auf dem Einband las ich dann, dass es in Südafrika spielt. Ich bin bisher leider nie dort gewesen, doch Bücher sind bekannt dafür, dass man mit ihnen in fremde Welten eintauchen kann. Sich verzaubern lassen kann von Völkerstämmen, Sprachen und Charakteren, denen man im eigenen Leben vielleicht nicht sehr oft begegnet. Ich war also neugierig und packte das Buch in meine Einkaufstasche. Das war eine gute Wahl!

Das Werk handelt von der kleinen Provinz Klippiesfontein, in dem ein weißer Gemischtwarenhändler namens Marius seinen Laden schließen muss, da seine Ehefrau an Krebs erkrankt ist und er sie zur Therapie in ein Krankenhaus in Kapstadt begleiten möchte. Für die Zeit seiner Abwesenheit überträgt er seinem seit über 20 Jahren für ihn arbeitenden Aushilfen Petrus alle wichtigen Aufgaben im Geschäft, damit er keinen finanziellen Verlust macht: dazu zählen Warenbestandsaufnahmen machen, Verfallsdaten verderblicher Lebensmittel kontrollieren, Geldgeschäfte mit den Kunden abwickeln, Bestellungen anmelden und später die Waren vom Lieferanten entgegennehmen, Wechselgeld zählen, alle Räumlichkeiten putzen und vieles mehr. Das einzige Problem an der ganzen Sache: Petrus ist schwarz. Das bringt die weiße Bevölkerung von Klippiesfontein auf die Barrikaden und sie besetzen den Haupteingang des Geschäftes. Im Laufe der Handlung kommt es auch zu Beleidigungen und zahlreichen Handlungen, die auf Vorurteilen gegenüber Schwarzen beruhen. Als Petrus aus der Not heraus sogar zum Geschäftsführer ernannt wird, platzt im Ort die Bombe und es kommt sogar zu tätlichen Angriffen mit Körperverletzung. Immer wieder empfand ich als Leser erhebliches Mitleid mit den Schwarzen und im Umkehrschluss auch mit allen anderen kulturellen Minderheiten dieser Welt. All diese Konflikte regen beim Lesen zum Nachdenken und schlussendlich zu selbstkritischem Denken, was Rassismus, Intoleranz, verschiedene Kulturvölker und deren Daseinsberechtigung angeht. Und auch vier Hummer spielen immer wieder eine zauberhafte Nebenrolle, die dem Buch sogar seinen Titel gaben.

Die Autorin verwendet im Buch sehr viele Begriffe und Floskeln aus der Sprache Afrikaans, die sie auch meistens gleich mit in der Handlung übersetzt, was ich als nicht kolonial-niederländisch sprechender Leser sehr spannend fand. Zum Beispiel Ouma für „Oma“, Wat sê jy daar, Dominie? für „Was sagst du da, Herr?“, Kaffer als Schimpfwort für einen Schwarzen, Goeie môre! für „Guten Morgen!“, My liebe God! für „Mein lieber Gott!“, Jou bliksem! für „Du Schuft!“, lappie für „Tuch“, Baas oder Oom oder Missies für die höfliche Anrede von Weißen, das zwergenhafte, böse Fabelwesen tokoloshe, brandewyn für „Branntwein“, veldskoene für „Kniestrümpfe“, Goeie dag! für „Guten Tag!“, Asseblief! für ein flehendes „Bitte!“, einen babbelas ausschlafen für einen „Kater“ ausschlafen, die Haartracht Skull Plaits, isidenge für „Idiot“, Gaan huis toe! für „Geh nachhause!“ oder auch sokkie für einen Tanzabend. Auf der Website Glosbe habe ich bei meiner Recherche ein sehr brauchbares Online-Lexikon für Afrikaans-Deutsch gefunden.

Doch auch etliche kulinarische Begrifflichkeiten finden im Buch Erwähnung, die mein Foodbloggerherz ansprechen, da es sich um typisch afrikanische Speisen handelt. So zum Beispiel pap für einen Brei aus Maismehl, Hinweise auf warme Gerichte wie gedünstete Süßkartoffeln, gelber Reis mit Rosinen, glasierter Rote-Bete-Salat, saftige Lammpasteten, Perlhuhn- oder Hühnchenpasteten, das gute, alte Emaille-Geschirr in der Küche, gebackener Cape-Brandy-Pudding, selbstgemachte, dampfende Vanillesoße, vetkoek für „Krapfen“, Wassermelonenmarmelade, Ochsenschwanz, Hühnerleber, Lammkoteletts, biltong für „Trockenfleisch“ und den berühmten Hummer-Thermidor (eine Hummersuppe).

Im Buch gibt es auch zahlreiche religiöse Referenzen. Die Hauptfiguren sind alle gläubig, besuchen regelmäßig die Kirche und sprechen sowie beten zu Gott. Als spezifische Kirchen werden immer wieder die Zionist Christian Church (Z.C.C.) und die Niederländisch-reformierte Kirche (NGK, calvinistisch geprägt) genannt. Auch die Afrikaaner-Widerstandsbewegung (AWB) wird häufiger zum Thema gemacht. Das fand ich persönlich recht spannend.

Das Buch war für mich sehr lehrreich und die Handlung wurde von liebenswerten Charakteren getragen, mit denen ich sehr viel Menschlichkeit und Mitgefühl empfand. Und vor allem spielte auch die Liebe und das kleine Glück im Leben eine sehr tragende Rolle. Ich kann das Buch nur empfehlen!

Jamie Mason „In guten wie in bösen Tagen“

Jamie Mason „In guten wie in bösen Tagen“

Erst vor ein paar Tagen habe ich das Buch „In guten wie in bösen Tagen“ von der US-amerikanischen Schriftstellerin Jamie Mason ausgelesen. Heute möchte ich es kurz rezensieren bevor ich es an einen anderen interessierten Leser weitergebe. Sehr gern nutze ich dafür eine der zahlreichen „Bücherboxen“, die man mittlerweile in nahezu jeder größeren Stadt zu Hauf findet – in umgebauten Telefonzellen, alten Regalen oder Schränken vor Wohnblöcken, in nicht mehr genutzten Briefkästen oder auch umfunktionierten Baumkonstruktionen. Eine übersichtliche Karte mit eingezeichneten „Bücherschränken“ in ganz Deutschland findet man z.B. auf der Website lesestunden (auch als App verfügbar). Ich finde das eine sehr feine Sache und nehme mir auch hin und wieder mal ein Buch zum Lesen mit nachhause. Es ist ein gesellschaftliches Geben und Nehmen im öffentlichen Raum und sorgt dafür, dass wertvolle Bücher nicht einfach weggeworfen werden, sondern im nächsten Haushalt landen, um erneut konsumiert zu werden.

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Einband

„Ist er dein bester Freund oder dein ärgster Feind?“

Endlich ist Dee glücklich. Nachdem Sie eine sehr ungewöhnliche und gefahrenvolle Kindheit erleben musste, träumte sie schon immer von einem ganz normalen, unauffälligen Leben. Mit ihrem Mann Patrick wohnt Dee nun in einem netten Häuschen in ruhiger Nachbarschaft – genauso, wie sie es immer wollte. Doch eines Tages beginnt die Fassade dieses friedvollen Lebens zu bröckeln: Immer öfter fühlt Dee sich beobachtet und verfolgt. Patrick scheint sich immer mehr von ihr zu entfremden – und Dee beschleicht das beklemmende Gefühl, dass er etwas vor ihr verheimlicht. Holen die Geister ihrer Vergangenheit Dee nun doch wieder ein? Gegen ihren eigentlichen Willen geht Dee ihrem Verdacht nach. Und schon bald ahnt sie: Patrick plant ein neues Leben. Ein Leben ohne sie. Um jeden Preis …

„Eindringlich erzählt, raffiniert konstruiert und wunderschön geschrieben – dieser Roman zieht einen sofort in seinen Bann. Großartig!“ (Library Journal)

„Spannend und sprachgewaltig – ein höchst fesselnder Roman.“ (Tana French)

Verlag: Bastei Lübbe Taschenbuch, deutsche Erstausgabe, Köln, 2016 | Originaltitel: „Monday’s Lie“ | Seitenzahl: 316

Meinung

Bei diesem Buch handelt es sich um einen Psychothriller. Die Autorin hat dabei einen zumeist spannenden Schreibstil. Ich mochte ihre kluge Sprache und ausgeklügelten Redewendungen. Aus psychologisch-emotionaler Sicht fand ich die Handlung beeindruckend. Sie hat mich emotional sehr berührt und es taten sich immer wieder einzelne Spannungsbögen auf, deren potentieller Ausgang einen neugierig machte. Die Protagonistin bewegt sich zwischen einem scheinbar normalen Leben, auf das die Autorin immer wieder dunkle, unklare Schatten wirft. Dabei geht es besonders um Eheprobleme und eine schwierige Kindheit, aber auch um Geheimnisse, Vertrauen und Verrat, menschliche Enttäuschungen und Überraschungen, das Erwachsenwerden in einem mütterlichen Umfeld voller Ungereimtheiten, Verlust, Intelligenz, aufmerksames Beobachten, Spionage und die Welt der Geheimagenten.

Streckenweise empfand ich die Story als sehr geheimnisvoll, dagegen an anderen Stellen wiederum ungenau, beinahe zu verschwiegen und sogar leicht langatmig. Im letzten Drittel verdichteten sich schließlich all die Probleme und als Leser konnte ich das Buch dann kaum noch aus der Hand legen, weil ich unbedingt wissen wollte, was mit Dee passiert und ob es noch Tote geben würde. Es schloss mit einem actionreichen Showdown ab, der jedoch größtenteils absehbar war. Das Buch war also ein kleines Auf und Ab.

Einige der behandelten Themen (v.a. die Lügen und Brüche in Dees Ehe, Appelle an die eigene alltägliche Aufmerksamkeit oder auch die psychologisch ausgeklügelte Vorgehensweise der Protagonistin) haben mich fasziniert und zum Nachdenken angeregt. Dee wirkt sehr abgeklärt, emotional strukturiert und klug. Manchmal fragte ich mich, ob ich bei all den persönlichen Rückschlagen der Hauptfigur ähnlich gehandelt oder schon längst das Handtuch geworfen hätte. Das war interessant und bereichernd zugleich.

Alles in allem war das Werk spannend, informativ, lehrreich auch für das eigene Leben, aber nicht vom ersten bis zum letzten Kapitel durchgängig fesselnd, wie ich es nach Durchlesen des Buchklappentextes erhofft hatte.

Mary Kay Andrews „Winterfunkeln“

Mary Kay Andrews „Winterfunkeln“

Von Oktober über die Vorweihnachtszeit, Weihnachten, Neujahr bis in den späten Januar hinein hatte ich wieder auf einem AIDA Kreuzfahrtschiff – diesmal im Indischen Ozean – gearbeitet und mich hin und wieder in der bordeigenen Bibliothek an interessanten und spannenden Büchern bedient. Über die Festtage musste leichte Kost her, etwas zum Schwelgen, Schmunzeln und Entspannen. Das Buch „Winterfunkeln“ von der US-amerikanischen Schriftstellerin Mary Kay Andrews bot für mich genau den richtigen Stoff. Es passt sowohl zu Weihnachten, als auch in den Winter mit all seinem Zauber!

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Einband

„Das Buch für die romantischste Jahreszeit!“

Eloise Foley liebt die Weihnachtszeit von ganzem Herzen. Dieses Jahr soll es besonders schön werden, denn ihr Traummann Daniel will sie ausgerechnet am 24. Dezember vor den Altar führen. Die Antiquitätenhändlerin ist überglücklich. Doch als der große Tag näher rückt, ist an Besinnlichkeit nicht mehr zu denken: Das Brautkleid – passt nicht. Die Trauzeugin – steht kurz vor der Entbindung. Der Zukünftige – wird mit einer heißen Italienierin in New York gesehen. Wird es an Weihnachten nun doch nicht das lang ersehnte Fest der Liebe geben?

„Große Gefühle und der Zauber von Weihnachten liegen in der Luft.“

Verlag: FISCHER Taschenbuch, Frankfurt am Main, 4. Auflage (Dezember 2014) | Seitenzahl: 283

Meinung

Das Buch „Winterfunkeln“ ist leichte Kost und passt ideal zu warmen Winterabenden mit heißem Tee und einer Wolldecke. Hin und wieder etwas kitschig und nicht immer sehr tiefgründig, aber unterhaltsam und witzig geschrieben. Die Antiquitätenhändlerin Eloise hat sehr viel für die Weihnachtszeit übrig und plant deshalb auch ihre Hochzeit am Weihnachtstag. Sie verbringt zwischendrin ein paar Tage inmitten des Weihnachtstrubels in der Großstadt New York (um ihren „Bald-„Ehemann Daniel zu sehen), in der allerhand schief geht. Etwas turbulent, doch für mich amüsant, zu lesen.

Sie ist immer auf der Suche nach alten Schätzen für ihr eigenes Antiquitätengeschäft in Savannah oder manchmal auch für ihren privaten Besitz. So erfreut sie sich einmal an hübschem, uraltem Geschirr oder ein anderes mal an verstaubtem, fast vergessenem Weihnachtsschmuck. Ich mochte ihren Geschmack nach alten, aber doch schönen Dingen und ihre Bescheidenheit, New York zwar eindrucksvoll zu finden, sich jedoch in ländlicher Gegend ein gemütliches Leben mit Daniel auszusuchen und aufzubauen.

Sie ist kein anstrengender Charakter und wirkte auf mich als Leser sympathisch und liebenswürdig. Das Buch las sich in einem Ritt zügig weg. Das einzig Ungewöhnliche dabei war die Tatsache, dass die Erzählperspektive stetig wechselte. Der „Ich“-Erzähler war mal Eloise und mal ihre beste Freundin Bebe. Einen solchen Schreibstil hatte ich zuvor noch in keinem Buch gelesen und ich musste mich erst daran gewöhnen. Es war jedoch beim Lesen keinesfalls hinderlich.

Das Buch ist übrigens die Fortsetzung des Titels „Weihnachtsglitzern“. Wer das nicht gelesen hat, kein Problem, es ist für das Verständnis nicht notwendig. Ich hatte es zuvor auch nicht gelesen.

„Winterfunkeln“ hatte genau die weihnachtliche Leichtigkeit mit liebenswerten, fast schrulligen Hauptcharakteren, die ich mir für die besinnliche Adventszeit gewünscht hatte.

Elli H. Radinger „Minnesota Winter – Eine Liebe in der Wildnis“

Elli H. Radinger „Minnesota Winter – Eine Liebe in der Wildnis“

Heute möchte ich euch endlich wieder ein Buch vorstellen, welches ich in diesem Winter gelesen habe: Minnesota Winter – Eine Liebe in der Wildnis. Meine Oma hat es mir weitergeschenkt. Die autobiographische Geschichte spielt im US-amerikanischen Minnesota, in dessen Nähe ich selbst einmal gelebt habe. Inmitten eines der Natur überlassenen Wolfsreviers lebt eine Deutsche zusammen mit ihrem amerikanischen Freund in einer Blockhütte. Vor vielen Jahren war ich als Austauschschülerin im Mittleren Westen der USA, genauer gesagt verbrachte ich meine Zeit in dem Dreieck auf der Landkarte, in dem sich Süd Dakota, Minnesota und Iowa treffen. Eine wunderbare Zeit, die schon viel zu lang vorbei ist. Umso schöner, dass meine Oma an mich gedacht hat und mir dieses Buch gab. So konnte ich nochmal eintauchen in diese hübsche Naturlandschaft. Die Geschichte handelt von viel Natur, Wölfen, Einsamkeit, Liebe und zwei menschlichen Weltanschauungen, die kaum miteinander vereinbar sind.

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Einband

Der Aussteiger Greg Howard ist die Erfüllung ihres Traums vom Leben in der Einsamkeit mitten unter wilden Tieren. Kurz entschlossen bricht Elli Radinger alle Brücken zu ihrer Heimat ab und zieht an einen Ort, der auf keiner Landkarte verzeichnet ist, zu einem Mann, den sie kaum kennt. Sie lebt mit ihm in einer Blockhütte im Revier von Wölfen und Bären und stürzt sich in ein Abenteuer, die sie an ihre Grenzen bringt, körperlich und emotional. Was sie erlebt, übertrifft all ihre Erwartungen – und Befürchtungen.

Verlag: Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2015 (Originalausgabe erschien 2013) | Seitenzahl: 300

Meinung

Das Buch wurde von Elli H. Radinger verfasst, eine Deutsche (aus Hessen), die als Fachjournalistin und Buchautorin arbeitet. Sie hat sich auf das Thema Wölfe spezialisiert und gründete im Jahr 1991 die Gesellschaft zum Schutz der Wölfe. Außerdem ist sie seit 1991 Herausgeberin vom Wolf Magazin. Sie schrieb in „Minnesota Winter“ ihre Erfahrungen nieder, die sie während ihrer Beziehung zu dem Amerikaner Greg Howard erlebte. Greg ist Aussteiger und hat der Zivilisation mit all seinen Fortschritten wie Elektrik oder Konsum abgeschworen. Er versucht seit knapp 14 Jahren so zu leben wie seine Vorfahren und ließ sich in den Weiten des US-Bundesstaates Minnesota nieder. Elli zieht Hals über Kopf zu ihm in die Wildnis und stellt sich den harten Bedingungen dieses Einsiedlerlebens, wie z.B. täglich Wasser holen aus dem umliegenden zugefrorenen See, Eis schmelzen, Fische fangen und ausnehmen, keinen Ort in der Cabin zu finden für ungestörte Körperwäsche und -pflege, eisige Kälte, Fortbewegung im tiefen Schnee und die kilometerweite Beförderung von Einkäufen mit dem Schlitten, dem Skifahren und Schneeschuhlaufen lernen und allen voran den Eigenheiten von Greg, der mir oft ungerecht, engstirnig und dickköpfig vorkam. Immer wieder streiten die beiden im Buch, weil sie unterschiedliche Weltanschauungen haben. Er will keine Kinder und hasst Hunde, was Elli das Herz bricht, da sie gern ihre geliebte Labradorhündin Lady mit in die USA nehmen möchte, die währenddessen von ihren Eltern in Deutschland betreut wird. Hunde lehnt Greg jedoch kategorisch ab.

Als Leser fragte ich mich sehr häufig, weshalb die Autorin sich so einer schweren Aufgabe überhaupt stellt und all ihre Prinzipien über den Haufen wirft für einen Mann, der sich nicht wirklich für ihre Welt zu interessieren scheint. Er weigert sich, mit ihr einen Urlaub in Deutschland zu machen und ihre Familie kennenzulernen. Er erachtet es als selbstverständlich, dass sie die lange und teure Flugzeugreise zwischen Deutschland und den USA ein- bis zweimal im Jahr hin- und herpendelt. Sie gibt nahezu all ihre Ersparnisse aus, um ihrem Freund gerecht zu werden und vergießt im Laufe des Buches viele Tränen, weil sie an ihre emotionalen wie auch körperlichen Grenzen kommt. Greg beteiligt sich finanziell nicht an ihren Reisen und macht ihr immer wieder Vorwürfe, wenn sie Geld für – in seinen Augen unwichtige – Dinge wie Kaffee oder Internet (Elli schreibt ihre Artikel in der Cabin, um weiter Geld zu verdienen) ausgibt. Er lebt eine Doppelmoral. Als Erklärung für ihr langes Durchhalten nennt Elli immer wieder ihren jahrelang gehegten Wunsch vom autarken Leben in einer Cabin im Wald. So stark war ihr Drang, sich diesen Traum zu erfüllen, dass sie diese Art von Leben lang genug ertragen hat. Bestimmt gab es zwischendrin auch das ein oder andere Erlebnis, das unwiederbringlich und besonders für sie war, wie beispielsweise ihre Begegnung mit Wölfen im Wald, Sterne und Sternschnuppen beobachten, die unzähligen Kanutouren oder das Erlernen, wie man ein Kanu baut.

Ich bewundere die Autorin für ihr Durchhaltevermögen und glaube, dass es nach einer solch deprimierenden Erfahrung auch immer viel Positives zu finden gibt, das man für sich und sein eigenes Leben mitnehmen kann. Sie hat sich, zumindest zeitweise, einen Lebenstraum erfüllt und das kann man ihr nicht vorwerfen. Aus Fehlern lernt man. Das Buch war spannend geschrieben und hat mich zugleich gut unterhalten.