Henning Mankell „Mörder ohne Gesicht“

Henning Mankell „Mörder ohne Gesicht“

Ich bin ein großer Fan von schwedischen Krimis, insbesondere mag ich die Geschichten um die von Henning Mankell geschaffene Kunstfigur und Kriminalkommissar Kurt Wallander, der im schwedischen Ystad Verbrecher jagt. Die Handlungen sind düster, regen zum Nachdenken an, weil sie gesellschaftliche und politische Kritik am schwedischen Staat üben, behandeln zumeist brutale Themen und haben einen Hang zur Melancholie. Häufiger laufen im TV sehr spät abends auch die dazugehörigen Verfilmungen. Heute möchte ich das Buch „Mörder ohne Gesicht“ vorstellen, welches im Jahr 1993 in Deutschland erschien (in Schweden bereits im Jahr 1991).

Einband

„Kurt Wallander stieß die Tür mit dem Fuß auf. Es war schlimmer, als er es sich vorgestellt hatte. Viel schlimmer. Später würde er sagen, dass es das Schlimmste war, was er je gesehen hatte. Und er hatte weiß Gott schon eine Menge gesehen.“

Ein altes Bauernpaar ist auf seinem Hof in der Nähe von Ystad ermordet worden. Nicht nur das Motiv der Tat liegt völlig im Dunkeln, vor allem deren furchtbare Brutalität irritiert die ermittelnden Polizisten um Kurt Wallander. Und dann hatte die alte Bäuerin, kurz bevor sie im Krankenhaus starb, den Beamten einen letzten, seltsamen Hinweis gegeben …

Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag, überarbeitete Neuausgabe, April 1999, München (Originalausgabe in Schweden: 1991 bei Ordfront Verlag, Stockholm) | Seitenzahl: 334 | Originaltitel: Mördare utan ansikte

Meinung

Das Buch „Mörder ohne Gesicht“ hat mich von der ersten Seite an gefesselt. Binnen 1 1/2 Wochen hatte ich es ausgelesen. Es beginnt sehr spannend, mitten im verbrecherischen Geschehen, und behandelt einen sehr brutalen Doppelmord, der die Ermittler in einige südschwedische Asylantenheime führt. Nach den Anfangsvermutungen aus den ersten Kapiteln soll es sich bei den Mördern wohl um Ausländer handeln. Das gibt natürlich einen riesigen Eklat im Land, der jede Menge Diskussionen, Anschuldigungen, Vorurteile und sogar Anschläge auf Asylsuchende nach sich zieht.

Der schwedische Schriftsteller Henning Mankell verarbeitete in seinen Krimi-Romanen sehr gern Themen, die in der schwedischen Gesellschaft als problematisch gelten. Er selbst gab einmal von sich, dass es schon sein frühes Ziel war, die „Gesellschaft zu demaskieren“.

Am meisten erstaunte mich die Aktualität der Konflikte, die sich um die Asylpolitik Schwedens drehten. Gerade in der heutigen Zeit ist dieses Thema mehr als relevant in Europa. Das Buch erschien in Schweden bereits vor 27 Jahren und ich habe das Gefühl, dass es auch im Jahr 2018 hätte geschrieben werden können.

Ich habe immer wieder Mitleid mit der Figur Kurt Wallander, sowohl in den Büchern, als auch in den Filmen. Der alternde Polizist steht in diesem Buch kurz vor der Scheidung, lebt gefühlt nur, um zu arbeiten und hat ein eher schlechtes Verhältnis zu seiner Tochter Linda. Er selbst bezeichnet sein Leben als verkorkst, trinkt viel hochprozentigen Alkohol und schläft sehr schlecht. Wallander führt alles in allem ein sehr ungesundes Leben, was in der Handlung auch immer wieder deutlich wird. Sein Vorhaben, sich gesünder zu ernähren, wird durch alle Kapitel hinweg nie in die Tat umgesetzt. Zu allem Überfluss erleidet sein Vater immer mal wieder erschütternde Demenzanfälle, um die er sich neben den schwierigen Ermittlungen auch noch kümmern muss. Dabei stößt er auf keinerlei Verständnis bei seinem Vater, welcher sich zudem nie damit abfinden konnte, dass sich Kurt einst für den Beruf des Polizisten entschieden hat. Man hat als Leser das Gefühl, dass der Vater seinen Sohn 1. nicht wirklich ernst nimmt und 2. dennoch verärgert darüber ist, dass Kurt Wallander sich zu wenig mit ihm beschäftigt.

Die Handlung ist sehr spannend aufgebaut, sodass es mir mit zunehmenden Kapiteln schwerer fiel, das Werk zur Seite zu legen. Ich war ganz gierig darauf, endlich zu erfahren, wer den brutalen Doppelmord begangen hatte. Zum Schluss wird zwar der Fall gelöst, doch der Leser bleibt aufgrund anderer tragischer Umstände mit einem nur halb zufriedenstellenden Gefühl zurück, was meiner Meinung nach jedoch Henning Mankells Absicht war.

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